Hypoxische Hirnschädigung
Ein Sauerstoffmangel im
Gehirn führt innerhalb weniger Minuten zu schwersten Störungen der
Hirnfunktionen, der so genannten hypoxische
n (anoxischen)
Hirnschädigung. Eine unzureichende Versorgung mit Sauerstoff tritt entweder
durch einen fehlenden oder stark verminderten Blutfluß zum Gehirn auf und/oder
durch einen verminderten Sauerstoffgehalt des Blutes. Bei einer schweren
anoxischen Hirnschädigung kommt es im Gehirn zu diffus verteilten
Zelluntergängen in fast allen Hirnregionen. Aber nicht alle Hirnregionen
reagieren gleichermaßen.
Ursachen einer
Hypoxischen
Hirnschädigung können ein plötzlicher Herzstillstand, ein schwerer Herzinfarkt
sein, Kreislaufzusammenbrüche im Rahmen von Schockzuständen nach Unfällen oder
schwersten allergischen Reaktionen, akute schwerwiegende
Lungenfunktionsstörungen, Ertrinkungs- und Erstickungsunfälle sowie
Reanimationen (Wiederbelebungsmaßnahmen) aufgrund obiger oder anderer
Krankheitszustände.
Durch die verbesserte
Notfall- und Intensivmedizin können viele der o.g. Erkrankungen in der
Akutsituation beherrscht werden, so dass der Blutfluss und die Sättigung des
Blutes mit Sauerstoff stabil wieder hergestellt werden können. Bei einem
überwiegenden Teil der Patienten treten, nach solchen erfolgreichen, intensiven
Behandlungsmaßnahmen Störungen der Hirnfunktionen auf, die mehr oder weniger
schwer sein können und Ausdruck des Sauerstoffmangels im Gehirn während der
akuten Situation sind. Das Ausmaß der hypoxische
n Hirnschädigung wird
von mehren Faktoren bestimmt. Die Schwere des Kreislaufzusammenbruchs, die Dauer
der Unterversorgung mit Sauerstoff, und ob zusätzliche Faktoren vorlagen, die
die Hirnfunktionen ungünstig beeinflussen.
In der Akutphase geben
wiederholte Untersuchungen des neurologischen Status innerhalb der ersten
Stunden und Tage nach der erlittenen hypoxische
n Hirnschädigung
Hinweise über das Ausmaß der Schädigung des Gehirns. Ist der Sauerstoffmangel im
Hirn nur relativ kurz gewesen, zeigen die Patienten schon kurz nach dem
Akutereignis innerhalb der ersten 24 Stunden Reaktionen, die auf eine Erholung
der Hirnfunktionen hindeuten können. Die Spontanatmung setzt ein, es kommt zu
ungerichteten Bewegungen, manchmal zu Muskelzuckungen. Im weiteren Verlauf
erwacht dann der Patient. In dieser Phase finden sich dann oft erhebliche
Unruhezustände, die Patienten können die Umgebung noch nicht richtig wahrnehmen,
sind desorientiert, können noch keine zielgerichteten Bewegungen durchführen, es
zeigen sich Koordinationsstörungen sowie Störungen des Gedächtnisses, der
Aufmerksamkeit und des Wiedererkennens.
Diese Störungen können sich
bereits nach wenigen Tagen zurückbilden, so dass man davon ausgeht, dass die
Hirnfunktionen sich wieder spontan erholt haben und keine manifest bleibenden
strukturellen Hirnschädigung
en aufgetreten sind.
In einigen Fällen sind diese Störungen jedoch langwieriger, so dass diese
Patienten speziell gefördert werden müssen. Gerade Orientierungs- und
Gedächtnisstörungen können lang anhaltend sein. Die Behandlung dieser
langwierigeren Störungen geschieht in der Regel in neurologischen,
neuropsychologischen oder neuropsychiatrischen Rehabilitationskliniken. Hier
erfolgt die Überprüfung der einzelnen Hirnfunktionen, die Erfassung der
Auswirkung von Funktionsstörungen für den Patienten und seine Umgebung und deren
spezifische Behandlung.
In schwersten Fällen der
hypoxische
n Hirnschädigung erwacht der
Patient innerhalb der ersten 24- 48 Stunden nach dem Akutereignis nicht. Der
Patient befindet sich in einem tiefen Koma und zeigt keine „zielgerichteten“
Reaktionen auf äußere Reize, keine Folgebewegungen der Augen, keinen
Blickkontakt, kein Hinwenden zu vertrauten Stimmen. In dieser Phase können im
Verlauf unwillkürliche Muskelzuckungen (Myoklonien) sowie Streck- und
Beugestarren der Muskulatur auftreten. Es kommt zu Veränderungen der autonomen
Funktionen mit Erhöhung der Herz- und Atemfrequenz sowie der Körpertemperatur
und des Blutdrucks. Die Patienten befinden sich trotz komatöser Bewußtseinslage
ist einer Art vegetativer Erregungssituation. Meist ist in diesen schwersten
Fällen mit lang andauernden erheblichen Störungen der Hirnfunktionen zu rechnen.
Sind keine Kriterien eines
vollständigen und unwiederbringlichen Ausfalls aller Hirnfunktionen erkennbar,
kann die prognostische Bewertung nur im weiteren Verlauf erfolgen. Diese
Verlaufsbeobachtung wird durch qualifizierte Rehabilitationsansätze begleitet.
In entsprechenden Rehabilitationskliniken erfolgt zusammen mit Neurologen,
qualifizierten Therapeuten und in der Frührehabilitation erfahrenem
Pflegepersonal sowie den Angehörigen des Patienten die Behandlung und Förderung
der schwerst Betroffenen. Darüber hinaus erfolgt in der Rehabilitationsklinik
die neurologisch-klinische und apparative rehabilitationsspezifische
Verlaufsdiagnostik und die Beurteilung der Entwicklung der Hirnfunktionen nach
stattgehabter hypoxische
r Hirnschädigung.
Ziel der Rehabilitation ist
es, durch geeignete Therapien den komatösen Zustand zu „überwinden“, um über die
elementaren Wahrnehmungen hinaus nach außen gerichtete Wahrnehmung und später
auch gezielte Reaktionen, Handlungen und Verhaltensäußerungen zu fördern. So
wird durch verschiedene therapeutische Ansätze versucht,
Orientierungswahrnehmungen in und an der Umwelt wiederherzustellen. Es wird eine
Kontaktaufnahme und wenn möglich Kommunikationsebene zum Patienten gesucht. Es
wird versucht, durch bestimmte Reizangebote Reaktionen, Bewegungsketten und den
gezielten Einsatz von Bewegungen zu fördern. All diese Ansätze und weitere
sollen die sogenannte „sensomotorische Integration“, d.h. das „harmonische“
Zusammenspiel der durch die Hypoxie geschädigten Hirnfunktionen, sowohl der
Wahrnehmungsprozesse wie auch der Handlungsprozesse wiederherstellen bzw.
verbessern. Die therapeutischen Ansätze werden durch medikamentöse Behandlung
unterstützt.
Die Angehörigen der
Patienten, die oft über ein intuitives Erfassen von Körpersignalen verfügen,
werden nach Möglichkeit immer in den Prozess mit einbezogen. Oft ist ein
geduldiges Ausprobieren von Stimulationen notwendig, die, wenn sie wirksame
Reizangebote darstellen, wiederholt und strukturiert individuell für jeden
Patienten eingesetzt werden.
Kommt es im Rahmen der
Rehabilitationsbemühungen zu einer teilweisen Wiederherstellung der
Hirnfunktionen kann der Patienten verschiedene Stadien der Erholung durchlaufen.
Für die jeweiligen Krankheitsstadien werden spezielle Reabilitationsstrategien
angewendet Nicht immer kommt es dabei zu einer vollständigen Wiederherstellung
aller Hirnfunktionen. In Zusammenarbeit von Patient, Reha-Team, Angehörigen und
nachfolgenden ambulanten oder stationären Versorgungseinrichtungen wird dann
nach Möglichkeiten gesucht, wie eine Wiedereingliederung in den bisherigen
Lebenskontext ermöglicht werden kann, um ein für ihn erfülltes Leben zu führen.
Kommt es während des
Klinikaufenthaltes nach einer Übergangsphase von etwa 3 Monaten nach Eintreten
des anoxischen Komas nicht zu einer Erholung, d.h. nicht zu einer erkennbaren
Wahrnehmungsfähigkeit, nicht zu einem integrierten Reagieren auf Reize oder
einer Spontanität in Verhaltenselementen, muss man die Irreversibilität der
Hirnfunktionsstörungen annehmen; das heißt, dass die gestörten Hirnfunktionen
und die mit diesen Hirnfunktion verbundenen Aktivitäten nicht wieder herstellbar
sind. Der Patient befindet sich dann im sogenannten permanenten postanoxischen
apallischen Syndrom, (permanent postanoxic vegetative state). Oft wird dafür
auch der Begriff des „Wachkomas“ benutzt, was nicht ganz unkritisch zu sehen
ist.
Dieses schwere und komplexe
Krankheitsbild des sogenannten „Wachkomas“, kann auch in Folge anderer
Hirnerkrankungen oder Hirnverletzungen auftreten und ist als ein gesondertes
Thema zu besprechen, da die krankheitsspezifischen Verläufe variieren und der
Begriff des sogenannten „Wachkomas“ auch in verschiedenen Stadien der Erholung
von Hirnfunktionen, teilweise auch für sogenannte Durchgangssyndrome verwendet
wird. Zunehmend spezialisieren sich Pflegeheime für die Langzeitversorgung
solcher Schwerkranken; in geeigneten Fällen kann nach umfassender Vorbereitung
eine häusliche Entlassung erfolgen.
Dr. med. E. Garms
Oberärztin

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Aktualisiert:
Juni 2010
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