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Hirnschädigung


I.
Neuropsychologie bei frührehabilitativer
Hirnschädigung  

Aufgabengebiete der Neuropsychologen sind Diagnostik und Therapie der durch Hirnschädigung erworbenen kognitiven Defizite, der emotionalen Veränderungen sowie der Veränderungen des Verhaltens. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Unterstützung der psychischen Verarbeitung der Folgen nach einer Hirnschädigung bei Patient und Angehörigen.  

Ohne die Grundlage einer qualifizierten Diagnostik und Therapie von Störungen des peripheren und zentralen Sehens kann kognitive Therapie nicht durchgeführt werden. Im ophtalmologischen Labor erfassen wir die Sehschärfe, Augenbewegungen, Gesichtsfeld, visuelle Exploration, visuell-räumliche Wahrnehmung und Objektwahrnehmung sowie Aufmerksamkeit im Raum. 
Gesichtsfelddefekte, gestörtes Scanning und visueller Neglect werden trainiert, sobald der Patient zu ausreichender Aufmerksamkeitsleistung in der Lage ist. Visuell-räumliche Wahrnehmung und räumlich-konstruktive Leistungen werden in Einzelsitzungen am Computer oder in der Gruppe mit systematischen Programmen eingeübt.  

Es ist wichtig, die verschiedenen Aspekte der Aufmerksamkeit (z. B. Alertness, Selektivität, Vigilanz) differenziert zu erfassen, um sie spezifisch zu trainieren. Basales Training findet überwiegend am PC statt, in Gruppensitzungen üben jedoch auch Patienten mit Papier/Bleistift-Aufgaben oder anhand von Gesellschaftsspielen, ihre Aufmerksamkeit zu verbessern.  

Gedächtnisstörungen werden von vielen Patienten, die der Frührehabilitation bedürfen, beklagt. Therapeutisch werden Einspeicher- oder Abrufstrategien im verbalen oder figuralen Bereich (teils am PC) eingeübt, je nachdem in welchem Bereich des Gedächtnisprozesses die Störung besteht. Bei einigen Amnesieformen hat sich jedoch gezeigt, dass ein Gedächtnistraining nicht mehr sinnvoll ist. Solche Patienten werden im Gebrauch von Hilfsmitteln (Terminkalender, Armbanduhr, u.s.w) unterwiesen.  

Bei Schädigung des Frontalhirns kommt es zu Störungen des Planens und Problemlösens sowie der intellektuellen Leistungsfähigkeit. Geübt wird neben verschiedenen intellektuellen Funktionen das Entwerfen von Handlungsalternativen, die Auswahl aus Alternativen, das Entwickeln von Handlungsplänen sowie Kontrolle und Überprüfung von Teilergebnissen.  

Frührehabilitative hirnschädigung sbedingte emotionale Störungen und Verhaltensstörungen, die die soziale Wiedereingliederung von Patienten trotz guter kognitiver Wiederherstellung oft verhindern, rücken schon früh ins Zentrum der therapeutischen Aufmerksamkeit. Hier stehen bei uns verschiedene, für Patienten mit einer Hirnschädigung abgewandelte psychotherapeutische Interventionsmethoden (tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie, Familientherapie, Verhaltenstherapie) in Einzel- und Gruppensettings zur Verfügung. Die Psychologen bieten unterstützende Gespräche zur Krankheitsverarbeitung an, da reaktiv-depressive Verstimmungen den Verlauf der Rehabilitation beeinträchtigen können. 

Familien von Patienten mit Hirnschädigung haben einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften, der alle Ressourcen der Familie fordert. Es  werden Gespräche in Krisensituationen, sowie beratende Gespräche bezüglich weiterführender psychotherapeutischer Hilfsmöglichkeiten angeboten. Die Angehörigengruppe schafft besondere Möglichkeiten der Verarbeitung der neuen Lebenssituation.

II. Logopädie bei frührehabilitativer Hirnschädigung  

In der Logopädie werden Störungen der Sprache, des Sprechens, des Schluckens und Stimmstörungen behandelt.  

Schluckstörungen sind in der Frührehabilitation nach schwerer Hirnschädigung sehr häufig. Viele Patienten müssen wegen schwerster Schluckstörungen über längere Zeit mit einer Magensonde (PEG) versorgt werden. Die Therapiemöglichkeiten liegen in der Beeinflussung der gesamten Sensomotorik des Gesichts, Mund- und Rachenraums, sowie im Halsbereich. Durch das Konzept der faziooralen (Behandlung im Gesichts- und Mundhöhlenbereich) Therapie (Kay Coombes) - das auf das Bobath-Konzept aufbaut - können gestörte Sensibilität und Motorik im Sinne normaler Funktionsabläufe gebessert werden. Störungen der Sprache bedeuten eine Beeinträchtigung, Gedanken, Gefühle und Wünsche in Worte auszudrücken; oft ist auch das Verstehen der Sprache beeinträchtigt. Nach umfassender Diagnostik lassen sich die Störungsebenen der Sprache genau beschreiben und störungsspezifische Therapieansätze (z. B. Wortfindungsübungen oder Gestentraining als Ersatzkommunikationsmittel) entwickeln.  

Neben einer Störung der Sprechmotorik sind bei frührehabilitativen Hirngeschädigten oft auch Stimme, Atmung und Sprachmelodie betroffen. Therapiekonzepte in diesem Bereich sind die fazioorale Therapie (FOT) und gezielte Artikulationsübungen, bei Stimmstörungen auch Stimmtherapie, Atemübungen und z. B. Elektrisierungsbehandlungen.  

Trotz intakter Mund- und Gesichtsmuskulatur kann eine Störung des Bewegungsablaufes bestehen (buccofaciale Apraxie), z. B. öffnet der Patient auf Aufforderung nicht seinen Mund willkürlich, sondern spitzt die Lippen. Der Sprechvorgang kann durch eine Sprechapraxie beeinträchtigt sein. Hier werden sprechmotorische Übungen durchgeführt.  

Eine Lähmung der Gesichtsnerven führt zu Beeinträchtigungen bei der Nahrungsaufnahme, auch die Artikulation kann gestört sein. Patienten fühlen sich oft entstellt, und in ihren mimischen Ausdrucksmöglichkeiten beeinträchtigt. Nach anfänglich überwiegend passiven Therapieverfahren werden die Patienten zunehmend zum Selbsttraining angeregt.  

III. Physiotherapie bei frührehabilitativer Hirnschädigung  

Die Ausführung alltäglicher Aktivitäten im Sinne von frührehabilitativen Bewegungen bedarf einer spezifischen physiotherapeutischen Behandlung, um den Patienten die Basis für selektive Bewegung und Haltung wiederzugeben. Erst wenn grundlegende Komponenten der normalen Bewegung wie normaler Muskeltonus, reziproke Innervation, Koordination und Gleichgewicht in ihrer normalen Qualität wiederhergestellt sind, können komplexe Bewegungsabläufe in den Alltag integriert werden.  

Die Abteilung Physiotherapie arbeitet auf neurophysiologischer Grundlage nach dem Bobath-Konzept. Der interdisziplinäre Charakter des Bobath-Konzeptes - "24-Stunden-Konzept" - eröffnet auf der Basis normaler Bewegung die nahtlose Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen.  

Weitere Schwerpunkte der physiotherapeutischen Arbeit bei Hirnschädigung sind:  

Ø      die Facio-orale Therapie nach Kay Coombes,  

Ø      Behandlungen im Wasser nach der Halliwick Methode (MacMillan) und  

Ø      die Hippotherapie,  

da diese Therapien auf den gleichen Prinzipien basieren.  

Das Therapieangebot wird von der physiotherapeutischen Abteilung durch die Behandlung mit re-dressierenden-, temporären - und semistabilen Gipsen unterstützt und erweitert.  

Neben diesen Therapieformen werden von der Physiotherapie folgende Behandlungen angeboten.  

Ø      Vojta

Ø      PNF (proprioceptive neuromuskuläre Facilitationen)

Ø      FBL (funktionelle Bewegungslehre)

Ø      Rückenschule nach Brügger

Ø      manuelle Therapie

Ø      Schlingentisch

Ø      Cyriax

Ø      Maitland  

Die physiotherapeutische Abteilung ist für einen großen Teil der Hilfsmittel zuständig, die hier erprobt und ausgesucht werden. Zur Verbesserung der häuslichen Reintegration werden auch aus der Abteilung Physiotherapie heraus Angehörige beraten und in die angemessene Unterstützung des Patienten eingewiesen.

IV. Ergotherapie bei frührehabilitativer Hirnschädigung  

Die ergotherapeutische Behandlung hat das Ziel, die körperliche, geistige, soziale und berufliche Selbständigkeit zu erreichen. Dazu dienen Übungen, die sich auf die alltäglichen Bedürfnisse des Betroffenen konzentrieren. Fähigkeiten, die nicht wieder erlangt werden können, müssen kompensiert werden. Diesbezüglich werden Wege und Hilfsmittel aufgezeigt.

Die motorisch-funktionelle Behandlung zielt zunächst auf die Anbahnung von Bewegungen und Bewegungsabläufen. Im weiteren Verlauf werden die grob- und feinmotorischen Fähigkeiten, bis hin zum Schreiben geübt. Schwerpunkte liegen im Bereich der Tonusregulierung, Gelenkmobilisation, Kontrakturprophylaxe und der Koordinationsschulung. Eingesetzt werden dazu verschiedene funktionelle Spiele, handwerkliche Techniken und andere therapeutische Mittel.  

Störungen der Oberflächen- und Tiefensensibilität werden durch gezielten Einsatz von taktilkinästhetischen (den Tastsinn betreffenden) Therapiemitteln gebessert, auch Bewegung der betroffenen Extremität fordert die Sensibilität.  

Das Haushalts- und Selbsthilfetraining umfasst alle Bereiche der Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL). Ziel ist die möglichst umfassende Selbständigkeit der Patienten. Dazu gehören das Haushalts-, Anzieh- und Frühstückstraining. Hierbei wird auch der Einsatz von Hilfsmitteln erprobt und im Bedarfsfall eine Hilfsmittelversorgung vorgenommen.  

Handwerkliche Therapie und Belastungstraining wird zur Fortsetzung der funktionellen Therapie und Wahrnehmungsschulung eingesetzt  bzw. zur Förderung der Ausdauer und Konzentration. Im Hinblick auf die berufliche Rehabilitation kann die physische und psychische Belastbarkeit des Patienten erprobt bzw. verbessert werden.

V. Physikalische Therapie bei frührehabilitativer Hirnschädigung  

In der auf aktuellem Stand ausgestatteten Abteilung bieten sich folgende Therapiemöglichkeiten:  

Ø   manuelle Lymphdrainage mit komplexer physikalischer Entstauung

Ø   sämtliche Formen der Massage, z. B. klassische Massage, Colonmassage, Bindegewebsmassage, Marnitztherapie, Fußreflexzonentherapie u. s. w.

Ø   ein balneotherapeutischer Bereich mit med. Bädern, Stangerbädern, Unterwassermassage, Kneipp´sche Güsse, Arm- und Fußbäder

Ø    Elektrotherapie

Ø    Ultraschall

Ø    Moorpackungen  

Desweiteren stehen zur aktiven Bewegung ein Schwimmbad mit Therapiebecken zur Verfügung.  

Da in der neurologischen Rehabilitation von frührehabilitativen Patienten mit Schlaganfällen oder Schädelhirnverletzte bedingt durch Mono-, Hemi- oder Tetraparesen zum Teil oedematös veränderte Extremitäten haben, ist die manuelle Lymphdrainage mit komplexer physikalischer Entstauung ein wichtiger Bestandteil des Gesamttherapiekonzeptes. Bei täglicher Behandlung mit anschließender Kompressionsbandage wird nach sicht- und tastbarem Oedemrückgang ein Kompressionsstrumpf angepasst.  

Um den Regenerationsprozess von Dekubitalgeschwüren zu beschleunigen, arbeiten wir mit der Interferenzregulationstherapie. Durch den mittelfrequenten Wechselstrom soll unmittelbar an der betroffenen Stelle der Zellstoffwechsel sowie die Trophik angeregt werden.

VI.  Neurogene Dysphagie bei frührehabilitativer Hirnschädigung

Indikationen:  

Schluckstörungen kommen bei neurologischen Krankheitsbildern häufig vor; so wird die Prävalenz neurogener Dysphagien bei schädel-hirn-traumatisierten Patienten mit etwa 25 %, bei Schlaganfall-Patienten mit 40 - 70 % angegeben. Bei anderen neurologischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose, dem Morbus Parkinson sowie verschiedenen Formen neuro-degenerativer oder myopathischer Erkrankungen beträgt die Häufigkeit neurogener Schluckstörungen 30 - 50 %. Je nach Genese bzw. Lokalisation der Erkrankung gibt es verschiedene Formen von Schluckstörungen, die mittels eingehender Diagnostik zu differenzieren sind.  

Diagnostik:  

Zunächst erfolgt eine ausführliche klinische logopädische und ärztliche Befunderhebung; darüber hinaus stehen folgende diagnostische Verfahren zur Verfügung:  

Ø   Flexible Rhinolaryngoskopie: Mittels einer flexiblen Fiberglasoptik wird der Schluckakt dargestellt und auf Computermedien (CD) gespeichert.

Ø   Videofluoroskopie: Radiologische Untersuchung des Schluckaktes, die auch Auskunft über die Mobilität von Zunge, Pharynx, und Ösophagus und über eventuelle Sphinkter-Funktionsstörungen geben kann.  

In einem multidisziplinärem Team (Arzt, Logopädie, Physiotherapie, Ergotherapie, Krankenpfleger, bei Bedarf auch Diätberatung) erfolgt die Differenzierte Gewichtung dieser Untersuchungsverfahren und die Erstellung eines individuell abgestimmten Therapieplans.

Ihr Team der Neurologischen Klinik Westend

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Aktualisiert: Juni 2010

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